„Götter wie wir“

Immer wieder kommt es zu unterschiedlichen Reaktionen, wenn Inhalte des christlichen Glaubens oder gar dieser selbst Gegenstand komödiantischer Unterhaltung werden. Aktuell wird über die neue Comedyserie „Götter wir wir“ (zdf.kultur) diskutiert und es werden Unterschriften dagegen gesammelt.1 Das nehmen wir uns zum Anlass, in einem Doppelartikel vier Aspekte ohne Anspruch auf Vollständigkeit kontrovers zu diskutieren, denn wir sehen das durchaus unterschiedlich und sind auch auf eure Meinung gespannt. Bei aller Unterschiedlichkeit halten wir aber daran fest, dass vieles seinen Platz und seine Berechtigung nebeneinander haben kann – auch das soll mit diesem Doppelartikel zum Ausdruck kommen. Zur Information hier der Trailer der Serie:

„Götter wie wir“ – Kunst oder Komplott?

Simon: Kunst oder Komplott? Das kann man gar nicht gegeneinander ausspielen. Fakt ist, dass die Macher der Serie die maximale Aufmerksamkeit sicher haben. Jüngst hat erst das Video „The Innocence of Muslims“ für viel Diskussionsstoff gesorgt. Es gibt also unter marketingtechnischen Voraussetzungen keinen besseren Zeitpunkt, um eine Satire über die christliche Religion zu veröffentlichen. Daher empfinde ich die Ausstrahlung der Serie durchaus als eine Provokation. Sicher, manchmal ist die Provokation ein probates Mittel zur Aufklärung, aber mit der Serie „Götter wie wir“ ist aus meiner Sicht die Grenze der Provokation überschritten und das führt zu keiner Aufklärung, sondern zur gewollten und meines Erachtens unnötigen Polemik. Kunst? Kunst liegt doch immer im Auge des Betrachters und für mich ist es keine Kunst, aber auch kein Komplott, sondern einfach nur Quatsch, der allerdings manche Christen sehr verletzt.

Sebastian: Ob es (popkulturelle) Kunst ist oder Komplott – besser: eine Provokation – ist m.E. nicht entscheidend. Das eine entscheiden Künstlerinnen2, das andere Betrachter. Eine Provokation ist es erst als Emotion beim Provozierten, während Kunst durch Aktivität und Selbstverständnis einer Künstlerin entsteht.3 Die Aufgabe besteht nicht in der Wertung der Sendung sondern eher darin, nach der Verantwortung des Künstlers (oder Veröffentlichers) für die Gefühle derjenigen zu fragen, die das Produkt wahrnimmt. An diese Verantwortung kann und darf man appellieren, man kann sie vielleicht sogar gesellschaftlich fördern, aber man kann sie nicht einfordern. Kunst hinterfragt – das tut auch diese Sendung, wenn sie Inhalte christlicher und jüdischer Tradition in neue Kontexte setzt oder verändert. Die Provokation entsteht erst beim Zuschauer – ob sie bewusst inszeniert ist, spielt dabei m.E. keine Rolle.

Meinungsfreiheit und Respekt

Simon: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit sind ein Segen in unserer westlichen Gesellschaft. Dies wird mir immer wieder bewusst, wenn ich bspw. von Christenverfolgungen in Nordkorea lese. Doch Freiheit ist nicht dafür da, um sie schamlos auszunutzen. Durch die Serie „Götter wie wir“ werden bewusst christliche Inhalte hinterfragt – oder wie ich es teilweise empfinde – in Frage gestellt. Soweit habe ich mit der Serie kein Problem, weil ich dies auch Tag für Tag in meinem Theologiestudium mache. Doch werden durch diese Serie – und das ist das Entscheidende – Menschen bewusst provoziert und in ihrer Frömmigkeit verletzt. Ich bin der Meinung, dass aus Respekt vor den einzelnen gesellschaftlichen Gruppen mehr Vorsicht geboten ist, bspw. eine Meinung in dieser Art und Weise darzustellen. Es ist das Eine, dass ich Dinge des christlichen Glaubens hinterfrage (Gottesbild, Wundergeschehen, etc.), das Andere ist die Form des Hinterfragens, die keine Gratwanderung zwischen Blasphemie und Satire sein muss. Deshalb fordere ich natürlich kein Verbot der Serie, aber ich würde mir mehr Sensibilität seitens der Verantwortlichen des ZDF wünschen.

Sebastian: Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit4 gehören zu den wichtigsten Rechten, die wir in Deutschland haben. Was passieren würde, wenn wir diese Rechte nicht mehr hätten, möchte man sich kaum vorstellen. In Diskussionen wie der aktuellen gerät mir aber zu schnell in Vergessenheit, dass diese Rechte grundsätzlich für jeden gelten.5 Sowohl für diejenigen, die in ihrem Glauben den biblischen Aussagen (in unterschiedlicher Weise) vertrauen, als auch denjenigen, für die biblische Geschichten anderen literarischen Werken gleichgestellt sind. Dass wir unsere christliche Meinung ungestört in unseren Gemeinden und sogar darüber hinaus mitteilen dürfen, ist im gleichen Recht begründet wie die Meinungsäußerung aller anderen Personen und Gruppen auch. Dieses Recht infrage zu stellen bedeutet auch, das eigene Recht infrage zu stellen.

Souveränität und Verletzlichkeit

Simon: Genau das ist der Kern der Diskussion. De facto fühlen sich viele Christen durch diese Serie in ihrer Frömmigkeit verletzt (in meinem persönlichen Umfeld habe ich das vermehrt wahrgenommen). Ich als angehender Theologe erwarte von mir und anderen Theologen eine differenzierte Meinung und auch ein wenig Souveränität im Umgang mit dieser Serie, denn wir müssen Gott ganz gewiss nicht verteidigen. Dennoch möchte ich mich solidarisch zeigen mit meinen Brüdern und Schwestern im Glauben, die nicht Theologie studieren und die zuhause im Wohnzimmer diese Sendung gucken und sich verletzt fühlen. Diese Menschen brauchen eine Stimme, die die Verantwortlichen des ZDF darauf aufmerksam macht, dass es viele Menschen gibt, die an dieser Serie Anstoß nehmen. Nochmals: Ich erwarte keine Absetzung der Serie – aber eine kritische Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen der Serie.

Sebastian: Ich heiße die Verletzung, die durch die Sendung entstehen mag, nicht gut, halte es aber für nötig, dass sich auch der christliche Glaube mit seiner Tradition hinterfragen lassen darf. Außerdem hat jede TV-Konsumentin das Recht und die Möglichkeit, sich der Sendung auch nicht auszusetzen.6 Es bleibt für mich in der ganzen Diskussion die Frage, wie man an einem Allgemeingültigkeitsanspruch des christlichen Glaubens festhalten kann, wenn nicht einmal der eigene Glaube so überzeugend ist, dass er einer Persiflage standhält. Wenn eigene Überzeugung plötzlich zur Debatte steht, mag das weh tun. Aber mit Zweifeln umzugehen, gehört zum Glauben dazu und stärkt ihn, weil überstandene Zweifel Gewissheit schaffen. Und emotionale Unversehrtheit erscheint mir überdies keine biblische Verheißung zu sein … im Gegenteil.7

Welches Signal sollten wir senden?

Simon: Es braucht Zweierlei! Aus der christlichen Innenperspektive brauchen wir Menschen,8) die sich mit der Thematik differenziert auseinandersetzen und damit hoffentlich dazu beitragen, dass Christen sich eine Meinung über die Serie bilden können. Außerdem bin ich der Meinung, dass es einen Dialog mit den Intendanten des ZDF geben sollte, damit auf die „verletzte Seele“ vieler Christen aufmerksam gemacht wird (klingt unglaublich emotional, ist aber Fakt und darf nicht (schon gar nicht intellektuell) belächelt werden).

Sebastian: Zentrales Symbol des christlichen Glaubens ist das Kreuz, das auch für Gottes unvergleichliche Leidensbereitschaft mit und für den Menschen steht. Orientieren wir uns daran,9 wenn wir die Unantastbarkeit unserer Tradition fordern? Wenn wir auf die Barrikaden gehen, um unsere eigene Empfindung zu schützen? So schwer das auch sein mag: Die Nachfolge Jesu beinhaltet auch die Bereitschaft, eigene Verletzung10 in vielerlei Form (sogar: in Liebe) zu ertragen. Die Verantwortung für Mitchristen besteht nicht darin, deren Kampf gegen die Verletzung zu führen, sondern sie in geschwisterlicher Liebe zu trösten, zu stützen und ihnen zu helfen einen Glauben zu entdecken, der sich weder von einer Parodie, noch von sonstiger Verletzung, Verspottung oder Verfolgung erschüttern lässt. Das ist meine Verantwortung – gerade als Theologe.

  1. Darüber, dass die Petition in der Formulierung eine notwendige Sachlichkeit und Bescheidenheit vermissen lässt, sind wir – die Autoren – uns einig. []
  2. Der Wechsel des Genus soll versuchen, beiden Geschlechtern gerecht zu werden. []
  3. Heißt: Wenn jemand sagt, er/sie mache Kunst, ist das auch so, das liegt nicht im Auge des Betrachters. Eine Provokation ist aber keine, wenn sie die Empfängerin nicht provoziert. []
  4. Freiheit, die nie absolut, sondern immer durch ein ‚frei von‘ bestimmt ist, bedeutet auch persönliche Verantwortung in der Freiheit zum Verzicht. Die Persönliche Verantwortung eines jeden, der seine Meinung öffentlich vertritt, soll hier nur angedeutet werden. []
  5. Soweit durch die Ausübung keine anderen Rechte verletzt werden. Vgl. Art. 5 im Grundgesetz. []
  6. Hier mögliche Ausnahmen zu zeichnen, halte ich nicht für zielführend. []
  7. Siehe letzter Aspekt. []
  8. Wie die Urheber dieses Blogs ;- []
  9. Vgl. Philipper 2 []
  10. Zu solchen Verletzungen gehört m.E. auch jegliche Verspottung. []

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