Ein bisschen Ethik: Gibt es guten Mord?

Dieser technisch sehr gut gemachte Film eines Hochschulprojekts (kein offizieller Werbespot!) geistert seit Kurzem durchs soziale Netz. Auch wenn ich in einer ersten Reaktion zustimmend empfinde, drängt sich mir die Frage nach den enthaltenen ethischen Aspekten auf. Bonhoeffer hin oder her: Der Spot zeigt einen Kindermord, keinen „guten“ Tyrannenmord. Während dem ersten wohl niemand (bei Verstand) zustimmen würde, halte ich ethisch sogar das zweite für kaum verantwortbar.

Was mich an diesem Filmchen stört, sind zwei Aspekte, die es m. E. bei der ethischen Urteilsbildung zu berücksichtigen gilt und die die im Spot dargestellte Situation so gänzlich anders macht, als die zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes. Und eine neue Situation erfordert ein neues ethisches Urteil. Ich halte diese Aspekte für entscheidend:1

Der „Adolf“ im Spot ist ein Kind. Das macht die Tötung eines Erwachsenen nicht besser, ruft bei den meisten Menschen vermutlich aber doch eine noch größere moralische Abwehr hervor, als ein Verbrechen am erwachsenen Menschen. Aus diesem Argument ergibt sich m. E. ein zweites:

Der „Adolf“ im Spot ist noch kein Diktator. Was zum Mord veranlasst, ist lediglich die aus der Rückschau projizierte zu erwartende Handlung eines Menschen, die aber als solche nur mit gewissen Wahrscheinlichkeiten zu belegen ist und dementsprechend auch immer der Möglichkeit menschlicher Fehlinterpretation unterliegt.2

Das Leben ist Gottes wertvollstes Geschenk an den Menschen. Wie ich den christlichen Glauben und auch christliche Ethik verstehe, zielt beides immer darauf, Leben zu erhalten, zu bewahren und sinnvoll zu gestalten – und zwar jedes Einzelne. Vielleicht gehört die Situation des Spots zu einer der schwierigsten Fragen der Ethik, aber gerade deshalb sollte man sie sich nicht zu leicht machen und der ersten zustimmenden Reaktion erliegen. Mord bleibt als Mord ethisch verwerflich, selbst wenn er aus guter Absicht an einem Tyrannen begangen wird. Und noch verwerflicher ist er, wenn der Tyrann noch gar keiner ist.

  1. Das ist nur das Ergebnis einen spontanen ethischen Reflexion. Ich freue mich über weitere Argumente in beide Richtungen! []
  2. Beispielsweise könnte die zum Gruß gehobene Hand meines Gegenübers von mir als Schlagbewegung interpretiert werden, woraufhin ich meine Interpretation als Argument für einen präventiven Erstschlag zugrundelegen und damit gänzlich falsch liegen könnte. []

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